Spießrutenlaufen

Auch Fragen zur Strassenverkehrsordnung oder Umgang mit Ordnungswidrigkeiten oder Bussgeldern
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Tinu
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Spießrutenlaufen

Beitrag von Tinu » Di 9. Jul 2013, 16:15

Zur allgemeinen Belustigung hier mal wieder eine erfrischend unübersichtliche Verkehrssituation:

Um von Unterföhring kommend auf der Münchner Straße die Sackgasse Feringastraße zu überqueren, muss man als Radfahrer 4 Fahrstreifen überqueren, da der benutzungspflichtige linksseitige Radweg jenseits der Feringastraße fortgeführt wird. Bild 1 zeigt einige Meter vor der Einmündung der Feringastraße (links) die Ampelsituation für die Münchner Straße Richtung Süden (auf dem Bild nicht zu erkennen: separate Lichtzeichen für links und geradeaus). Bild 2 dann ein Blick über die 4 Fahrstreifen mit den Übergängen und Furten (durch Pfeile markiert). Und in Bild 3 das Ganze nochmal von oben.
Feringa1.jpg
Feringa2.jpg
Feringa3.jpg
Zunächst die Fakten: Der erste Fahrstreifen ist mit einem Fußgängerüberweg (Zebra) ohne Ampeln versehen. Die mittleren beiden Fahrstreifen sind mit gemeinsamer Fußgänger-/Radfahrerfurt und ausschließlichen Fußgängerampeln bestückt und der vierte Fahrstreifen muss wieder ohne Ampeln auf dem Zebrastreifen überquert werden, an dessen Ende der linksseitige Radweg fortgesetzt wird.

Die grundsätzlichen Regeln besagen zunächst: Auf den Fußgängerüberwegen, wo die Fußgänger Vorrang vor dem Querverkehr haben, haben die Radfahrer diesem gegenüber Nachrang (betrifft hier Fahrstreifen 1 & 4). Auf den gemeinsamen Furten mit reinen Fußgängerampeln (Streifen 2 & 3) gelten diese nicht für Radfahrer, so dass diese hier umgekehrt im Zweifelsfall passieren können, während Fußgänger noch warten müssen!

Dass hier beim Überqueren einer einzigen Straße auf derselbe Furt mehrfach abwechselnd jeweils eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern Vorrang hat, während die andere warten muss, ist an sich schon pervers, aber jetzt wird's noch komplizierter:

Streifen 1 scheint als einziger klar: Querverkehr von links durchlassen. Es sei denn, die Fahrbahnampel für geradeaus (ganz rechts außen in Bild 1) gilt für mich, obwohl ich diese gar nicht mehr sehen und der Verkehr aus der Feringastraße es auch nicht ahnen kann.
Wenn ich davon ausgehe, dass die Fußgängerampeln für Streifen 2 & 3 nicht für mich gelten, was dann? Eine eventuell geltende Fahrverkehrsampel ist an dieser Position nicht mehr sichtbar, nach eventuellem Warten vor Streifen 1 inzwischen in unbekanntem Zustand und regelt ohnehin andere Verkehrsflüsse. Ohne Ampeln hätte ich auf der vorfahrtberechtigten Münchner Straße eigentlich Vorfahrt vor dem auf Streifen 2 aus der Feringastraße kommenden Verkehr. Als schlaues Kerlchen rechne ich bei roter Fußgängerampel aber mit grün für den Querverkehr und lasse ihn deshalb lieber durch.
Auch auf Streifen 3 hätte ich Vorfahrt vor den von hinten rechts mich schneidenden Linksabbiegern, wenn ich nicht wüsste, dass diese eine Linksabbiegerampel haben.
Streifen 4 sieht aus wie Streifen 1, aber Obacht: Fahrzeuge von vorne rechts müssen warten, weil sie als Abbiegende entgegenkommende Fahrzeuge durchlassen müssen (und im Unterschied zu Streifen 3 keine Ampeln haben, die sie upgraden), also trotz Fußgängerüberweg ausnahmsweise freie Fahrt!

Also nochmal der Reihe nach Streifen 1-4:
  • 1: Fahrzeuge von links passieren lassen (wobei die meisten KFZler wegen des Überwegs trotzdem halten), während Fußvolk aber queren kann.
  • 2: Wenn von links nichts kommt, auch bei roter Fußgängerampel pädagogisch wertvoll an der wartenden Schulklasse vorbeiziehen.
  • 3: Wenn von rechts hinten nichts kommt, das Spiel wiederholen.
  • 4: Wie die Fußgänger Vorrang vor Fahrzeugen, die von vorne einscheren.
Fehler in der Analyse?

Jenseits jeglicher pragmatischen Lösung die Straße lebend zu überqueren würde mich einfach nur mal interessieren, was die tatsächliche StVO-konforme Lösung ist und wie man allen Ernstes erwarten kann, sich hier in Echtzeit korrekt zu verhalten. Immerhin ist diese Lösung im Ernstfall ausschlaggebend in Bußgeld- und Haftungsfragen.
Gruß
Martin

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veloroadster
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von veloroadster » Di 9. Jul 2013, 20:50

Da bin ich kürzlich auch gefahren und habe mich auch über diese Meisterleistung der Verkehrsplanung gequält. Was auf der rechten Seite war weiß ich nicht mehr so genau, aber ich glaube ich dachte mir, das nächste Mal fahre ich rechts, ob erlaubt oder nicht.
Gute Fahrt

VeloRoadster

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Tinu
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von Tinu » Mi 10. Jul 2013, 07:39

veloroadster hat geschrieben:Was auf der rechten Seite war weiß ich nicht mehr so genau,
Man könnte auch auf dem rechten Fahrstreifen fahren (soweit einen die KFZler lassen), wird aber ca. 300 m vorher (Höhe Gleisunterführung/Leinthalerstraße) gezielt auf den linksseitigen Radweg gelenkt, um die Einmündung des Föhringer Rings radlfrei zu halten. Späterer Wechsel zurück ist nicht ra[d|t]sam.

Zusätzliche Kuriosität am Rande: Aus der Feringastraße (ohne Radweg!) kommend, ist es gar nicht so einfach, nach links auf den Radweg der Münchner Straße zu kommen. Korrekterweise komme ich mit dem Rad auf dem Fahrstreifen 2 an, um bei grün (!) abzubremsen (Achtung: hupender nachfolgender Verkehr!) und nach links auf die Insel einzuschwenken, von wo jetzt die Streifen 3 & 4 nach beschriebenem Muster zu überqueren sind.

Das Ganze Prozedere natürlich nur, wenn ich bereits weiß, dass der Radweg in der Müchner Straße linksseitig geführt wird. Das kann ich von der Feringastraße aus nämlich noch nicht erkennen!
Gruß
Martin

KUHmax
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von KUHmax » Mi 10. Jul 2013, 09:08

Hallo,
Die mittleren beiden Fahrstreifen sind mit gemeinsamer Fußgänger-/Radfahrerfurt und ausschließlichen Fußgängerampeln bestückt
<lösch>
Auf den gemeinsamen Furten mit reinen Fußgängerampeln (Streifen 2 & 3) gelten diese nicht für Radfahrer, so dass diese hier umgekehrt im Zweifelsfall passieren können, während Fußgänger noch warten müssen!
sicher, dass Fußgängerampeln bei fehlender Radverkehrssignalisierung nicht für Radfahrer gelten?

Gruß, Karin
Radlergrüße,

Karin

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Tinu
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von Tinu » Mi 10. Jul 2013, 09:27

KUHmax hat geschrieben:sicher, dass Fußgängerampeln bei fehlender Radverkehrssignalisierung nicht für Radfahrer gelten?
Das ist ja genau die Diskussion um § 37 Abs. 2 Nr. 6 StVO:
  • Wer ein Rad fährt, hat die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten. Davon abweichend sind auf Radverkehrsführungen die besonderen Lichtzeichen für den Radverkehr zu beachten. An Lichtzeichenanlagen mit Radverkehrsführungen ohne besondere Lichtzeichen für Rad Fahrende müssen Rad Fahrende bis zum 31. Dezember 2016 weiterhin die Lichtzeichen für zu Fuß Gehende beachten, soweit eine Radfahrerfurt an eine Fußgängerfurt grenzt.
Es gibt nur eine einzige Sondersituation, wo Fußgängerampeln für Radfahrer gelten (und auch das "nur" bis 2016), nämlich wenn die Furten aneinandergrenzen und keine Radlerampeln vorhanden sind.
Gruß
Martin

webbie
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von webbie » Mi 10. Jul 2013, 10:40

Man könnte sich trefflich darüber streiten, ob der gemeinsame Rad- und Fußweg über den Zebrastreifen in die Kreuzung weiterführt. Immerhin geht der Weg ja eigentlich um die Kurve und man biegt quasi auf den Zebrastreifen ab. Nach dieser Logik wäre der Radweg dann allerdings nicht benutzungspflichtig, weil nicht straßenbegleitend.

Alles in allem ist diese Kreuzung ein Graus. (Auch die Bettelampel über die Münchner Straße, deren Knopf man erst entdeckt, wenn man nach 5 Minuten immer noch kein Grün hat.)
Übrigens liegt die Kreuzung nicht mehr auf Münchner Stadtgebiet. Bei der Fahrt über die Stadtgrenze ins Umland bemerkt man häufig ein Kompetenzgefälle, was die Gestaltung des Radverkehrs angeht.
Tinu hat geschrieben:Es gibt nur eine einzige Sondersituation, wo Fußgängerampeln für Radfahrer gelten (und auch das "nur" bis 2016), nämlich wenn die Furten aneinandergrenzen und keine Radlerampeln vorhanden sind.
Danke für den Tipp. Ein paar Meter weiter an der Abbiegespur zum Föhringer Ring ist nämlich eine reine Fußgängerampel mit Druckknopf. Dann kann ich mir diese Zwangspause nach einem Blick über die Schulter in Zukunft sparen.

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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von Tinu » Mi 10. Jul 2013, 11:17

webbie hat geschrieben:Nach dieser Logik wäre der Radweg dann allerdings nicht benutzungspflichtig, weil nicht straßenbegleitend.
Was man leider auch erst nach den 300 Metern feststellt, und dann ist es zu spät. Tatsächlich halte ich den Radweg für straßenbegleitend, allerdings mit einem abrupten, nicht gekennzeichneten Ende, da die komplette Querung keine radgerechten Markierungen oder Verkehrszeichen enthält. Theoretisch müsste man sich also vor dem Übergang in Luft auflösen (oder auf die andere Seite beamen), da weder die Nutzung des Gehwegs der Feringastraße noch deren Querung radtechnisch geregelt ist.
webbie hat geschrieben:Ein paar Meter weiter an der Abbiegespur zum Föhringer Ring ist nämlich eine reine Fußgängerampel mit Druckknopf. Dann kann ich mir diese Zwangspause nach einem Blick über die Schulter in Zukunft sparen.
Seit kurzem wird die Ampel übrigens erst nach Betätigen des Druckknopfs in Betrieb genommen, so dass jetzt noch nicht einmal ein Rotlichtverstoß beim Queren vorliegt! :)
Gruß
Martin

timovic
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von timovic » Mi 10. Jul 2013, 18:42

Sowas kommt dabei raus, wenn Leute Verkehrsplanung betreiben, die höchstens am Sonntag in den Biergarten radeln.

Wurd hier im Forum eigentlich schon einmal eine Sammlung solcher Kuriositäten angelegt? Oder gar eine Karte in Google Maps angelegt? Auf undurchdachte (oder schlicht nicht funktionierende) Radverkehrsführungen trifft man ja täglich unzählige Male.

mgka
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von mgka » Fr 12. Jul 2013, 08:54

Für den ganzen Murks dort ist übrigens nicht (ausschließlich) die Landeshauptstadt verantwortlich. Soweit diese Staatsstraße auf dem Gebiet von Unterföhring liegt, ist das Landratsamt München dafür zuständig. Übrigens las ich dieser Tage in de.rec.fahrrad zum Thema Gültigkeit von Lichtzeichen dieses:
"Laut allerneuestem Hentschel (42. Auflage) ist eine gemeinsame Furt für Radfahrer und Fußgänger keine Radverkehrsführung. Also gilt bei derart gestalteten gemeinsamen Geh- und Radwegen *immer* das Lichtzeichen für den Fahrbahnverkehr.
Hentschel hält die Rechtslage der neuen StVO für nicht sehr klar und empfiehlt vom Opportunitätsprinzip (§ 47 OWiG) sollte großzügig Gebrauch gemacht werden."

Ich habe es noch nicht selbst verifiziert, aber es klingt glaubhaft. Darüber hinaus sind laut R-FGÜ (http://bernd.sluka.de/Recht/rfgue/rfgue.html) Fußgängerüberwege in der Nähe von Lichtzeichenanlagen und im Verlauf von gemeinsamen Rad-/Fußwegen unzulässig (siehe dort Abschnitt 2 [2]). Vielleicht möchte ja jemand die Herrschaften im Landratsamt aufklären (verkehrsrecht [ät] lra-m.bayern.de)?

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Tinu
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Re: Spießrutenlaufen

Beitrag von Tinu » Fr 12. Jul 2013, 12:15

mgka hat geschrieben:"Also gilt bei derart gestalteten gemeinsamen Geh- und Radwegen *immer* das Lichtzeichen für den Fahrbahnverkehr."
Genau mein Reden. Nur, dass die Lichtzeichen weder einsehbar, noch gesundheitlich zuträglich sind, weil sie Konflikte im Verkehrsfluss erzeugen.
mgka hat geschrieben:Vielleicht möchte ja jemand die Herrschaften im Landratsamt aufklären (verkehrsrecht [ät] lra-m.bayern.de)?
Die Zuständigkeit hatte mir bisher gefehlt. Ich werde mal eine Anfrage stellen und bin gespannt, wie die Antwort ausfällt. Über Rückmeldungen werde ich natürlich an dieser Stelle berichten.
Gruß
Martin

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